Spätfolgen, später.
Berlin kürzt die Sommerpause aus wichtigem Grund.
29 Aug 2008 14:52 GMT
text about the visit of children from tschernobyl in berlin, about a 'verein' which tries to go on organizing logistic help for social movement, about engagement help from three green-party members and the next antimilitary demontration date (in berlin and stuttgart, germany, europe.).
article in german.
"1986, als die Katastrophe in Tschernobyl passierte, waren die Kinder, die heute hier sind, noch lange nicht geboren, noch nicht einmal angedacht", sagt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Anja Schillhaneck, trocken. Sie steht wenige Schritte entfernt von Christian Ströbele, der sich mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter des Vereins "Hilfe für Kinder aus Tschernobyl e.V. Weimar" unterhält, während sein eigener Mitarbeiter erste Fragen von Journalisten beantwortet. "Wer heute noch behauptet, die Gefahren der Atomenergie seien unter Kontrolle zu halten - die Gefahr eines ähnlichen Störfalls sei vernachlässigbar gering, der weiß, verdammt nochmal, nicht, wovon er redet und lügt sich und einer ganzen Mege Leuten fahrlässig in die Tasche". Nach einem pikierten Dreisekunden-Schweigen der Nahestehenden, während dessen eine Augenbraue der Sprechenden ungerührt in der Höhe verbleibt, geht auch das Gespräch der Herren in der Nähe weiter.
Die drei Grünen, die sich zum gemeinsamen Zoobesuch mit Kindern aus Weißrußland und der Ukraine Zeit genommen haben, müßten nicht hier stehen. Es ist ein sonniger Tag, die Sommerpause ist weder offiziell noch inoffiziell ganz vorbei und schließlich: es ist doch bloß ein weiterer Medientermin und warum sollte man sich seinen Terminkalender voller packen als nötig, oder nicht? Oder scheinbar nicht. Dem Verein CloF e.V. ist es zu verdanken, daß die beiden Kindergruppen bei ihrem Besuch schließlich doch noch etwas erleben konnten: es galt, eine ganze Veranstaltungsreihe für 4 Wochen Aufenthalt im August zu organisieren - vom Fußballspielbesuch über das Feuerwehrauto, das zu dem Übernachtungsort der Kinder zum Frauensee herausfuhr mit vielen Hebeln, Knöpfen, Leitern und Schläuchen zum Ziehen, Drücken, Klettern und Knoten machen. Von der Fahrt mit der Panoramabahn, über die Verteilaktion von supercoolen T-Shirts von einer wahrscheinlich auch coolen Neue-Deutsche-Welle-Sängerin, deren Liedtexte die Kinder aus Sprachgründen nur noch nicht ganz ergründen können, bis zum Zoobesuch mit Leuten, die etwas von Elefanten verstehen: ein volles Programm für 90 Kinder und 30 Tage. In exakt ganzen zwei Wochen, die der Verein CloF e.V. für die Organisation des Ganzen hatte. Grund der kleinen organisatorischen Meisterleistung, zu der der Verein sich notgedrungen aufraffen mußte, war ein Hilferuf des Weimarer Vereins, ob CloF ihnen unter die Arme greifen könnte: es würden in 14 Tagen Kinder zu einem Ferienaufenthalt eintreffen. Für die Unterkunft sei gesorgt, für Betreuung, Verpflegung.
Leider sei das aber auch alles.
Kummer ist CloF seit seiner Gründung gewohnt: "Eigentlich", sagt Vereinsmitbegründer Holger Werner, "verstehen wir uns als wachsender Spezialist für Notfälle wie diesen". Entstanden sei die Idee zur Schaffung eines logistische Aufgaben übernehmenden Vereins für soziale Bewegungen während der Vorbereitungen der Demonstration/Kundgebung gegen Sozialabbau am 3.6.2006. Seitdem haben sie sich einiges an Erfahrungen aneignen können mit dem Einspringen, wenn bei der Vorbereitung z.B. einer größeren Demonstration, Kundgebung, einer sozialen Protestaktion oder wie hier einem humanitär intendierten Projekt etwas schiefläuft.
Gefragt, ob er zufrieden sei mit dem Verlauf bisher, antwortet Holger (Werner) / antwortet er: "Einiges hätte besser laufen können." Seit 1990 organisiert der Verein Kinderhilfe Tschernobyl, für den wir die Veranstaltungen auf die Beine gebracht haben, Aufenthalte von Kindern mit Strahlungs-Spätschäden in Weimar und Berlin. Bei diesem Ferienaufenthalt waren im August insgesamt 80 ukrainische Kinder aus der sogenannten "Zone 4" und 10 weißrussische aus der hochverstrahlten Zone auf Empfehlung weißrussischer Ärzte am Frauensee. "Die Organisation des Aufenthalts", sagt Holger, "hätte weit besser laufen können, wenn wenigsten all die vielen kleinen versprengten Vereine, die am selben Thema arbeiten, in der Lage wären, miteinander zusammenzuarbeiten". Deshalb denkt er jetzt über den Aufbau eines funktionierenden Verteilernetzwerks von Tschernobyl-Hilfevereinen nach.
Den unsicheren Ruf, den der Weimarer Hilfeverein bisher zu bedauern hat, geht nach bisherigen Recherchen auf einen äuerst unvorsichtigen Umgang mit den Angaben zu sogenannten 'Unterstützern' und 'Schirmherren' bzw. –frauen zurück. Auf einem Heft aus dem Jahre 2007 prangt unter dem Namen der Schirmherrin das Kürzel einer derzeit zum kommenden Kreuzzug rüstenden Parteischwesterformation und auch die Liste der Unterstützer am Ende des Informationsheftes ist denkbar kopflos aufgestellt. Die Namen und Bezeichnungen sind gegenstandslos, der Verein wird von den dort leider immer noch sichtbaren Kreisen finanziell nicht unterstützt. Unterkunft wie Fahrt der bedürftigen weißrussischen Kinder wurden hauptsächlich aus der Privatkasse des Vereinsvorsitzenden bezahlt, der sich als einer der dort verbliebenen letzten Personen um das Weiterleben des Weimarer Vereinsknotenpunkts und um das Thema selbst sorgend bemüht. Verbunden ist das ganze mit dem Versuch, die Wirkung eines auf Apfelbasis hergestellten Nahrungsergänzungsmittels nachzuweisen. Hierfür war die Hlfe der Berliner Charité notwendig, die zu Beginn Interesse und Hilfebereitschaft als nicht ausgeschlossen halb zugesichert hatte. Zu erledigen war eine Untersuchung des Nach-Zustands bei Abfahrt der Kinder nach Weißrußland. Apfelbasis ist jedoch keine sich als besonders einträglich versprechende chemische Pharma-Konzeption, so scheint es zumindest zum bisherigen Zeitpunkt der Recherche. Ob dies der Grund des Rückzugs der Charité - also die Verweigerung der Unterstützung bei der Aufbereitung der Spätfolgenthematik - sein könnte, werden erst kommende Anfragen aufdecken können. Professor Nesterenko (ehem. Akad. der Wiss. Belarus), der sich wie der Vereinsvorsitzende in Weimar - in Weißrußland um seinen Anteil bei der erprobung der Wirksamkeit des Nahrungsergänzungsmittels bemüht hatte, ist am vergangenen Montag, dem 25.8.08, am Tag vor dem Besuch der Kinder und der drei Grünen-Leute im Berliner Zoo, verstorben.
Die Kinder sind am gestrigen Donnerstag zurückgefahren. Arbeit genug für den Besuch der nächsten bleibt am Ort. Dazu gehört auch die Sorge um den Wert der ehrenamtlichen Betätigung, die die CloF-Mitglieder umtreibt: in Zeiten, in denen finanzielle Effizienz und kapitales Wachstum zähle, werden die ehrenamtlichen Mitarbeiter immer älter. Auch das Ehrenamt müsse sich seiner Meinung nach um seinen Nachwuchs kümmern. Ob und wie sich dies generell mit der Sorge um angemessene Vergütung von Arbeitsverhältnissen in prekären Zeiten verträgt, wäre sicher ein interessanter kleiner Disput, für den Holger derzeit jedoch keine Zeit hat: "Am 20.9. ist die nächste Friedensdemo, es gibt in paar Plakatkisten nach Stuttgart zu verschicken", sagt er und eilt weiter.
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