Baader-Meinhof-Komplex oder Eichinger-Aust-Syndrom
Ron Augustin
29 Sep 2008 19:24 GMT
Berlin Tegeler Weg, Sommer 2008
Mit dem “Baader-Meinhof-Komplex” ist “eine der aufwendigsten Produktionen in der Geschichte des deutschen Films” in den Kinos angelaufen, nach einer Medien-Kampagne, die es laut dpa “in dieser Form noch nicht gegeben hat”. Die Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Stefan Aust ist schon vor der Freigabe an die Öffentlichkeit als deutscher Beitrag zum Oscar nominiert worden, nachdem Reinhard Hauffs “Stammheim”, der sich ebenfalls auf das Aust-Buch stützt, bei der Verleihung des Goldenen Bären vor zwei Jahrzehnten von der Jury-Vorsitzenden Gina Lollobrigida “als lausiger Film” abgetan worden war.
Der Film kommt genau ein Jahr nach der weitgehend verfehlten “Abrechnung mit dem Terrorismus”, die zum 30. Jahrestag des Deutschen Herbstes im September 2007 schon mit einem Zweiteiler von Aust im Fernsehen angefeuert wurde. In einer beispiellosen Schnittfolge kristallisiert er sämtliche Behauptungen, Erfindungen und Fälschungen die in dem Buch noch irgendwie den Quellen zugeordnet werden konnten, auf der Leinwand aber auf die Psychopathologie einzelner Personen reduziert worden sind. Dem Produzenten Bernd Eichinger zufolge war entscheidend zu zeigen “dass sie es tun, nicht, warum sie es tun.” Das hat ihn in dem Streifen nicht davon abgehalten, leichtfertig mit Begriffen wie “Faschismus” um sich zu schmeissen und die dargestellten Personen, bis hin zu Rudi Dutschke und den 68er Demonstranten, zu hysterischen und lächerlichen Karikaturen zu verzerren. Mit dem erklärten Ziel, nach all den Jahren noch mal mit allen Mitteln einen “Mythos” zu zerstören. Gehirnwäsche also.
Die Schauspieler fühlen sich dabei erschreckend wohl. Da wird ein geradezu antisemitisches Bild eines wild herumkommandierenden Andreas Baader im von Aust frei erfundenen Pelzmantel gezeichnet, werden ihm Sätze in den Mund gelegt und Geschichten angehängt, die ihm nur fremd gewesen wären. Umringt von einem brutalen Haufen, in dem vor allem die Frauen als fanatisch, zerstörerisch, eiskalt, blöde und selbstmörderisch dargestellt werden, um nichts als “Wahn” zu vermitteln. Von wegen “Legendenbildung”. Die letzte Erkenntnis des Aust: Bonnie & Clyde als Voraussetzung für die Existenz der RAF. Ohne die Liebesbeziehung von Andreas Baader und Gudrun Ensslin hätte es den bewaffneten Kampf hier nicht gegeben.
Es sind in Deutschland bis jetzt schon mehr als 30 Spielfilme zum Thema RAF gemacht worden und die Dokumentarfilme – mehr als 100 nach meiner Berechnung – sind gar nicht mehr zu zählen. Etwa ein Dutzend gehen auf das Konto von Stefan Aust selbst, der sich seit dem Erscheinen seines Buchs als RAFExperte hochstilisiert hat. Das Buch, das in diesem Monat in einer auf die Filmversionen abgestimmten dritten Neuauflage erscheint, hat sowohl seinen Titel als seinen Inhalt dem Bundeskriminalamt zu verdanken, das die mehr als 120.000 Seiten umfassenden Ermittlungsakten in den ersten Prozessen gegen die RAF als “Baader-Meinhof-Komplex” geführt hat. Aust hat diese Akten, mehr als 250 Ordner, zu einem Zeitpunkt bekommen, als deren Zugang formal noch auf die Prozessbeteiligten (d.h. Gericht, Staatsanwaltschaft, Anwälte und Angeklagte) beschränkt war. Informationen des Staatsschutzes (VS, BKA, “Politische Polizei” bei den LKAs, Bundesanwaltschaft u.a.) sind denn auch seine Hauptquellen. Ein kritisches Verhältnis dazu ist vom vormaligen Konkret- und Spiegel-Redakteur nicht zu erwarten, der vor allem auf Effekthascherei aus ist. Zu seinem Lieblingsthema Stammheim, zum Beispiel, ist er nie der Frage nachgegangen, ob das “ausgeklügelte Kommunikationssystem in HiFi-Qualität”, das es da gegeben haben soll, vielleicht nicht genau das Abhörsystem der Geheimdienste selbst war. Dagegen macht er sich in den Medien gerne wichtigtuerisch mit der Story breit, dass die RAF ihn einmal “abknallen” wollte, und der These, dass wer die RAF verstehen will, “Moby Dick” lesen soll.
Die Darstellung einer Sache wird nicht wahr, indem sie immer aufs neue wiederholt wird. Auch nicht, indem sie mit scheinbar logischen Schlüssen und oberflächlichen Ähnlichkeiten zum Original ausgeschmückt wird. Oder indem sie Lernprozesse dadurch verneint, dass Geschichte an der “Persönlichkeitsstruktur” einiger bekannter Figuren festgemacht wird. Die Frage ist nur, was wir diesem Bild entgegensetzen können. Auf verschiedenen Ebenen hat sich gezeigt, dass immer noch und immer wieder viel Interesse an der Geschichte der RAF besteht. Ausser Bruchstücken und Einzelbiografien gibt es dazu bisher leider keine authentische Beschreibung und Analyse aus der Gruppe selbst, die diesem Interesse entspräche. Die meisten aus der RAF, die noch leben, haben sich jahrelang mit anderen Dingen auseinandersetzen müssen, wie Knast, Polizeirazzien, Gesundheit und bis zuletzt der Androhung von Beugehaft und neuen Verfahren. Relevante Diskussionszusammenhänge haben sich unter ihnen nur langsam entwickeln können.
Deshalb ist es für Historiker, Studenten und sonstige Interessenten schwierig, auch nur einigermassen zuverlässige Quellen zu dieser Geschichte zu finden. Die historischen Bedingungen der RAF sind gekennzeichnet von aüsserst mangelhafter und willkürlicher Dokumentation, sowohl in den Archiven als auch im Internet als auch in der bis jetzt erschienenen Literatur, um von den Medien und Filmproduktionen ganz zu schweigen. So werden Erklärungen in den unterschiedlichsten Fassungen zitiert. Es sind mehrere gefälschte und zerstückelte Dokumente im Umlauf, und ich habe noch keine Veröffentlichung gesehen, die nicht subjektiven Interpretationen unterlegen hätte. In einer Quellenausgabe, die vorgibt, nur Originale zu veröffentlichen, ist jeder zweite Satz irgendwie geändert worden. Die Situation bei den Übersetzungen ist fast noch schlimmer. Wer sich wirklich informieren will, wird sich vorläufig mit den Originaldokumenten begnügen müssen, von denen es inzwischen eine authentische Sammlung auf der Webseite der International Association of Labour History Institutions gibt (labourhistory.net/raf/).
Klar, aus der Sicht derjenigen, die zu ihrer Geschichte stehen, wäre es an der Zeit, die wesentlichen Erfahrungen auszugraben und aufzuschreiben, die Ziele und Inhalte wieder an sich zu reissen, sich die Bilder, die Sprache und einen irgendwie kollektiven Begriff wieder anzueignen. Solange es ihn nicht gibt, werden die vorgegebenen Denunziationen – vom Avantgardeanspruch verpackt in Erpressungsmärchen, über den Dritte-Welt-Fetischismus und Deutsch-Nationalismus bis hin zum Antisemitismus und zu den Selbstmordbeteuerungen – den öffentlichen Diskurs beherrschen, und werden welche versuchen, sich daraus einen Namen oder halt das große Geld zu machen.
Ein Afrikanisches Sprichwort lautet: “Solange die Löwen nicht ihre eigenen Historiker haben, werden die Jagdgeschichten stets die Jäger glorifizieren.” Eichingers Film haut genau in diese Lücke rein. Ihm scheint es nicht einmal um die Opfer von Anschlägen zu gehen, schon gar nicht um die politischen Fehler, die es in der Geschichte der RAF gegeben hat, sondern einfach darum, abzuschrecken und sie zu denunzieren. Und damit denjenigen, die zu ihr stiessen, auch noch ihren moralischen Anspruch abzusprechen. Der Film ist eine Beleidigung all derer, die für Emanzipation und Befreiung gekämpft haben, und all derer, die versuchen, den Widerstand gegen die bestehende Weltordnung zu organisieren.
e-mail:: ronaugustin@hotmail.co.uk